„Wenn sich Österreich auch im digitalen Netz weiterhin als Kulturnation verstehen möchte, besteht dringend Handlungsbedarf”


Der Open Humanitiies Awards ging dieses Jahr an Bernhard Haslhofer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien, und das Projekt “Maphub“. Wir haben die Gelegenheit genutzt, um ein Interview mit ihm zu führen.

OKFN: Euer Projekt “Maphub” macht historisches Kartenmaterial im Web verfügbar und ermöglicht es euren Besuchern Kommentare auf diesen Karten zu hinterlassen. Ihr baut dabei auf Open Data auf und produziert selbst wieder offenes Wissen, in der Form von Kommentaren und Semantic Tags. Was waren die spannendsten Synergien und das interessanteste Feedback, das ihr in dem Projekt bekommen habt?

Bernhard Haslhofer: Ich denke eine der wichtigsten Fragen mit der wir uns in Zukunft beschäftigen sollten, lautet: wie können wir durch Open Data einen Mehrwert für Benutzer schaffen und wie können wir Benutzer in die Produktion und Weiterentwicklung von Open Data miteinbeziehen. Ich denke wir sollten da einen ähnlichen Weg beschreiten wie das Web, das sich ja auch von einem anfänglich rein passivem Informationssystem (Web 1.0) zu einer Umgebung entwickelt hat in der Nutzer auch aktiv Inhalte beitragen (Web 2.0, Social Web, ff).

Bei Maphub handelt es sich um einen ersten Prototypen in dem wir, im Kontext historischer Karten, versucht haben einen geschlossenen Kreislauf zwischen Open Data Produktion und Open Data Konsumation zu bilden. Der/die BenutzerIn steht dabei im Zentrum, konsumiert offene Inhalte und Daten, also digitalisierte Karten und Metadaten, und produziert gleichzeitig offene Daten in Form von Annotationen bzw. Kommentaren.

Bei “Semantic Tagging” handelt es sich um eine Funktion die es den Benutzern ermöglicht ihre Kommentare und somit auch die Karten selbst auf einfache Art und Weise mit Wikipedia zu verlinken. Wir erzeugen somit einen offenen Datensatz bzw. eine Wissensbasis bestehend aus offenem Kartenmaterial, beschreibenden Metadaten, Annotationen und Links zu Wikipedia.

Um das Potential der Verlinkung zwischen offenen Datensets aufzuzeigen haben wir auch eine simple Form von Multilingualer Suche implementiert: für jeden Link holen wir uns den entsprechenden Wikipedia Artikel in allen verfügbaren Sprachen, indizieren Teile davon lokal und ermöglichen Benutzern somit eine Suche über Kartenmaterial in bis zu 90 unterschiedlichen Sprachen. D.h. wenn jemand in Japanisch, Russisch oder Mandarin in unserem System nach Karten sucht besteht zumindest die Chance auf Treffer.

Auf internationaler Ebene gibt es seit einiger Zeit das Bestreben unterschiedlichste Medieninhalte annotierbar zu machen und die beigesteuerten Annotation selbst wieder als Open Data zu veröffentlichen. Teilaspekte dieses Ansatzes haben ihren Ursprung in Wien und wir tragen auch seit Anfang an zu dieser Initiative bei. Maphub wurde als Demonstrator bzw. Referenzimplementierung entwickelt und ist somit Teil eines größeren Ganzen. Dadurch ergeben sich natürlich interessante Synergien.

Ich hatte die Möglichkeit Maphub in mehreren Institutionen (Library of Congress, New York City Public Library, Stanford, Harvard) vorzustellen und das Feedback war bisher sehr positiv. Ich hoffe und bin sehr optimistisch, dass sich Teile von Maphub bald in Produktionsumgebungen finden werden.

OKFN: Wie kamt ihr auf die Idee zu “Maphub” und was waren die größten Herausforderungen?

Bernhard Haslhofer: Wir, d.h. Medieninformatiker an der Uni Wien und Kollegen am Austrian Institute of Technology, beschäftigen uns schon länger mit diesen Themen und entwickeln auch immer wieder kleinere Demos im Bereich Medienannotation.

Während meines Aufenthalts in Cornell konnte ich unsere Ideen und Konzepte dann weiterentwickeln und auch praktisch umzusetzen. Die notwendigen Ausgangsdaten, also die digitalisierten Karten und beschreibende Metadaten konnten wir einfach und unkompliziert von der Library of Congress runterladen, da diese Inhalte schon seit mehr als einem Jahrzehnt auch in digitaler Form öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Die technischen und vorallem organisatorischen Herausforderungen waren somit minimal.

OKFN: Wo steht Österreich im internationalem Vergleich wenn es zu OpenGLAM kommt?

Bernhard Haslhofer: Einige Kulturinstitutionen in Österreich sind sehr innovativ und haben den Open Data Ansatz bereits ansatzweise umgesetzt. Spontan fallen mir dazu die Österreichische Nationalbibliothek und das Filmarchiv ein. Trotzdem würde ich sagen: wenn sich Österreich auch im digitalen Netz weiterhin als Kulturnation verstehen möchte, besteht dringend Handlungsbedarf. Wenn Inhalte nicht digital zur Verfügung stehen, werden sie meiner Meinung nach, in Zukunft weniger bis gar nicht mehr wahrgenommen werden.

maphub example

Man sollte sich, meiner Meinung nach, auch vom Gedanken verabschieden Inhalte nur in institutionalen Repositories zu veröffentlichen und die darunter liegenden Rohdaten geschlossen zu halten. Damit verwehrt man Dritten den Zugang und unterdrückt unter Umständen innovative Ideen. Hätten wir, zum Beispiel, keinen Zugriff auf die digitalisieren Karten und Metadaten der Library of Congress gehabt, hätten wir Maphub niemals realisieren können und dieses Interview würde wohl nicht stattfinden.

Ich denke, dass digitalisierte Inhalte und beschreibende Metadaten im Bereich GLAM vermehrt entweder über APIs oder als Datendumps als Open Data veröffentlicht werden sollten. Ein offener Zugang zu Datenkorpora im Bereich GLAM, wäre meiner Meinung nach nicht nur im Interesse von Applikationsentwicklern sondern könnte auch der Wissenschaft komplett neue Methoden und Methodenkombinationen bieten (Stichwort: computational humanities).

 OKFN: Könnte man das projekt auch für andere Daten anwenden. Wenn ja, welche?

Bernhard Haslhofer: Maphub selbst ist Open Source und auch für andere Kartensammlungen verwendet und weiterentwickelt werden. Der darunter liegende Ansatz, speziell die Aspekt “Open Annotations” und “Semantic Tagging” sind jedoch generisch und können auch für andere Medientypen und in komplett anderen Domänen eingesetzt werden. Das war von Anfang an Ziel unserer Entwicklung.

 OKFN: Was sind die nächsten Ziele für das “Maphub” Projekt?

Bernhard Haslhofer: Wir werden jedoch in den nächsten Tagen beginnen Maphub’s Semantic Tagging Funktion in Annotorious zu integrieren. Dabei handelt es sich um eine JavaScript Bibliothek die ganz einfach in jede Website eingebunden werden kann um Bilder und somit auch Kartenmaterial in bestehenden Portalen annotierbar zu machen.

Wie schon erwähnt, hoffe ich, dass in Zukunft auch andere Projekte Benutzer in die Produktionen und von offenen Daten miteinbeziehen. Annotationen sind, meiner Meinung nach, ein sehr sinnvoller Ansatz und mit Tools wie Annotorious wollen wir diesen auch technisch unterstützen.

Bernhard Haslhofer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Computer Wissenschaften der Universität Wien. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in globalen Datennetzwerken und deren soziokulturellen und technischen Kontexten. Er ist auch aktiv an dem Design und der Umsetzung von Web-Tools unter der Nutzung von Open Data, sowie deren Auswirkungen auf den Forschungsbetrieb.

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